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From Nervous System to Society: Exploring Trauma as the Hidden Variable in Personality and Social Behavior

Aktualisiert: 7. Jan.

Vom biopsychosozialen Verhaltensmodell zur inneren Klarheit

Meine Forschungsprojekte sind aus einer einfachen, aber weitreichenden Beobachtung entstanden: Menschliches Verhalten lässt sich nicht sinnvoll erklären, wenn wir es nur aus einer einzelnen Perspektive betrachten. Weder Neurobiologie allein, noch Psychologie, noch Soziologie liefern für sich genommen ein tragfähiges Verständnis dessen, was Menschen tun, fühlen und entscheiden – insbesondere dann nicht, wenn Trauma, Stress und Beziehungserfahrungen eine Rolle spielen.


Der Ausgangspunkt meiner Arbeiten ist daher das biopsychosoziale Verhaltensmodell. Es dient nicht als neue Theorie im engeren Sinne, sondern als integrierender Bezugsrahmen, der bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse in Beziehung zueinander setzt – und dadurch etwas Entscheidendes ermöglicht: Orientierung inmitten von Komplexität.


Das biopsychosoziale Verhaltensmodell – ein Ordnungsrahmen


Das biopsychosoziale Modell geht auf George L. Engel zurück, der bereits in den 1970er‑Jahren darauf hinwies, dass ein rein biomedizinisches Krankheitsverständnis dem Menschen nicht gerecht wird. Engels zentrale These war nicht revolutionär im Sinne neuer Daten, sondern im Sinne einer neuen Ordnung bestehender Erkenntnisse.


In meinen Arbeiten wird dieses Modell nicht primär auf Krankheit angewendet, sondern auf Verhalten, Erleben und Selbststeuerung. Damit knüpfe ich an eine Forschungstradition an, die später u. a. durch Stressforscher wie Bruce McEwen weitergeführt wurde. McEwens Konzept der Allostase zeigt eindrücklich, dass Anpassung nie nur psychisch oder biologisch ist, sondern immer das Ergebnis komplexer Regulationsprozesse.


Im Zentrum steht die Annahme, dass Verhalten gleichzeitig auf mehreren Ebenen entsteht:


  • Biologisch: Neurophysiologie, autonome Regulation und Stressachsen – wie sie etwa in der Polyvagal‑Theorie von Stephen Porges oder der Psychoneuroimmunologie beschrieben werden.

  • Psychologisch: Emotionen, implizites Gedächtnis und Bedeutungszuschreibungen, wie sie in der Traumaforschung bei Bessel van der Kolk oder Judith Herman thematisiert werden.

  • Sozial: Bindung, Beziehung und Co‑Regulation, ein Schwerpunkt der Arbeiten von Allan Schore und der Bindungsforschung insgesamt.


Diese Ebenen wirken nicht additiv, sondern wechselseitig regulierend. Ein traumatisches Erlebnis verändert damit nicht nur subjektives Erleben, sondern auch neurobiologische Reaktionsmuster und soziale Beziehungsdynamiken – eine Perspektive, die auch in der interpersonellen Neurobiologie (Daniel J. Siegel) aufgegriffen wird.


Verbindende Fachbereiche


Ein zentrales Anliegen meiner Projekte ist es, Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen, die im akademischen Alltag häufig nebeneinander existieren, aber selten systematisch integriert werden.


Konkret verbindet die Arbeit unter anderem:

  • Neurobiologie und Psychoneuroimmunologie (Stress, Regulation, Plastizität)

  • Traumaforschung und klinische Psychologie (implizites Gedächtnis, Retraumatisierung, Coping)

  • Sozialwissenschaften und Bindungsforschung (Beziehung, Sicherheit, Co-Regulation)

  • Philosophie und Wissenschaftstheorie (Menschenbild, Verantwortung, freier Wille)


Diese Verbindung ist kein Selbstzweck. Sie folgt der Überzeugung, dass fragmentiertes Wissen zu fragmentierten Interventionen führt – und dass genau darin ein Teil des Problems moderner Heil‑, Coaching- und Bildungssysteme liegt.


Trauma als erklärende Variable


Innerhalb des biopsychosozialen Modells nimmt Trauma eine besondere Stellung ein. Trauma fungiert in meiner Arbeit als erklärende Variable für scheinbar widersprüchliches oder „unvernünftiges“ Verhalten. Was auf kognitiver Ebene als Fehlentscheidung erscheint, kann auf neurophysiologischer Ebene eine hochadaptive Schutzreaktion sein. Das Modell erlaubt es, Verantwortung nicht moralisch, sondern regulatorisch zu denken: nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Spielräumen.


Damit verschiebt sich auch die Frage von „Warum macht jemand das?“ zu „Auf welcher Ebene wird hier gerade reguliert – und welche Ebene wird übergangen?“


Wie aus Komplexität Klarheit entsteht


Ein häufiges Missverständnis lautet: Integration mache Dinge komplizierter. Meine Erfahrung – sowohl wissenschaftlich als auch praktisch – ist das Gegenteil. Klarheit entsteht nicht durch Vereinfachung, sondern durch gute Ordnung.


Das biopsychosoziale Modell wirkt wie eine Landkarte. Es reduziert nicht die Vielfalt menschlicher Erfahrung, sondern ordnet sie so, dass Zusammenhänge sichtbar werden:


  • Warum Einsicht allein nicht zur Veränderung führt.

  • Warum Sicherheit im Körper Voraussetzung für Wahlfreiheit ist.

  • Warum Beziehung nicht Beiwerk, sondern biologischer Regulationsfaktor ist.


Diese Klarheit ist keine intellektuelle, sondern eine orientierende Klarheit. Sie ermöglicht es, Interventionen passgenauer zu wählen, Selbstverantwortung realistisch zu verorten und Heilung nicht als linearen Prozess, sondern als dynamisches Regulationsgeschehen zu verstehen.


Meta-Perspektive: Abgrenzung vom biopsychosozialen Buzzword


Das biopsychosoziale Modell ist heute allgegenwärtig. Kaum ein therapeutisches, medizinisches oder beratendes Feld kommt ohne diesen Begriff aus. Gleichzeitig bleibt er in der Praxis häufig folgenlos. In vielen Kontexten fungiert „biopsychosozial“ als wohlklingendes Etikett, während Entscheidungen, Interventionen und Verantwortungszuschreibungen weiterhin einseitig erfolgen – biologisch-reduktiv, kognitiv-moralisch oder sozial-normativ.


In meinen Arbeiten grenze ich mich bewusst von dieser Verwendung ab. Integration wird hier nicht als additive Aufzählung verstanden („auch noch der Körper“, „auch noch das Soziale“), sondern als epistemische Verpflichtung: Jede Aussage über Verhalten muss auf allen drei Ebenen anschlussfähig sein – oder ihre Grenzen offenlegen. Trauma fungiert dabei als verbindende Variable. Es erklärt, warum Inkonsistenzen zwischen Einsicht, Gefühl und Handlung nicht Ausdruck mangelnder Motivation sind, sondern Ausdruck unterschiedlicher Regulationszustände. Damit verschiebt sich der Fokus von Defizit- und Schuldmodellen hin zu einem Verständnis von Verhalten als situativ organisierter Anpassungsleistung.


Diese Perspektive macht das biopsychosoziale Modell handlungsrelevant. Sie zwingt dazu, Verantwortung nicht abstrakt, sondern kontext- und zustandsabhängig zu denken – und Interventionen dort anzusetzen, wo tatsächlich Wahlfreiheit entstehen kann.


Wissenschaft als lebendiger Prozess


Mit meinen Projekten verstehe ich Wissenschaft nicht als distanzierte Beobachtung, sondern als verkörperten Erkenntnisprozess. Es bewegt sich an der Schnittstelle von Forschung, Praxis und Selbstreflexion. Das biopsychosoziale Verhaltensmodell ist dabei weniger eine Antwort als eine Einladung: zur Zusammenarbeit zwischen Disziplinen, zur Demut gegenüber Komplexität – und zur Rückkehr einer Wissenschaft, die dem Menschen in seiner Ganzheit gerecht wird.


Annika Grieb

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der Autorin

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