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Zwischen Denken, Handeln und Verkörperung

Hannah Arendt im Dialog mit dem biopsychosozialen Verhaltensmodell

Hannah Arendt dachte Politik nie als Verwaltung, Ideologie oder bloße Machttechnik. Ihr Denken kreist um etwas Radikaleres: um den Menschen als handelndes, sprechendes, verantwortliches Wesen in einer gemeinsamen Welt. In Vita activa unterscheidet sie drei Grundformen menschlicher Tätigkeit – Arbeiten, Herstellen und Handeln – und macht deutlich, dass menschliches Verhalten niemals isoliert verstanden werden kann, sondern immer in Beziehung steht: zur Welt, zu anderen und zu sich selbst.


Diese Perspektive berührt einen Kern, der heute im biopsychosozialen Verhaltensmodell wissenschaftlich formuliert wird – und zugleich darüber hinausweist.


Verhalten ist nie nur individuell


Das biopsychosoziale Modell entstand als Gegenbewegung zur biomedizinischen Verkürzung des Menschen. Es beschreibt Verhalten als Ergebnis eines dynamischen Zusammenspiels von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Nervensystem, innere Repräsentationen, Beziehungserfahrungen und gesellschaftliche Kontexte wirken gleichzeitig – nicht additiv, sondern wechselseitig.


Arendt würde dieser Grundannahme vermutlich zustimmen, auch wenn sie andere Begriffe wählte. Für sie ist der Mensch von Anfang an plural: Er existiert nicht als isoliertes Subjekt, sondern immer in einer Welt mit anderen. Verhalten ist für Arendt nie bloße Reaktion, sondern Ausdruck von Weltbezug. Hier entsteht eine erste tiefe Resonanz: Beide Perspektiven widersprechen der Idee eines autonomen, losgelösten Individuums. Und beide machen deutlich, dass Verantwortung nicht dort beginnt, wo Anpassung endet – sondern dort, wo Wahrnehmung, Denken und Handeln wieder miteinander verbunden werden.


Denken als innere Beziehung


In Eichmann in Jerusalem formuliert Arendt ihr berühmtes Konzept der „Banalität des Bösen“. Gemeint ist kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Mangel an Denken – verstanden als innerer Dialog, als Beziehung zu sich selbst.


Aus biopsychosozialer Sicht lässt sich dies präzisieren: Denken ist kein rein kognitiver Vorgang. Es ist verkörpert, affektiv und relational. Wer traumatisiert ist, wer dauerhaft unter Stress oder sozialem Druck steht, verliert nicht nur emotionale Flexibilität, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Das Nervensystem schaltet auf Überleben, nicht auf Verantwortung. Arendts moralische Analyse erhält hier eine neurobiologische und psychodynamische Tiefenschärfe: Die Abwesenheit von Denken ist oft kein moralisches Versagen, sondern das Ergebnis chronischer Dissoziation zwischen Körper, Gefühl und sozialem Kontext.


Handeln braucht Verkörperung


Für Arendt ist Handeln die höchste Form menschlicher Tätigkeit. Es ist unvorhersehbar, risikoreich und immer öffentlich. Handeln bedeutet, etwas Neues in die Welt zu bringen – sichtbar, verletzlich und nicht vollständig kontrollierbar.


Das biopsychosoziale Modell ergänzt an dieser Stelle eine entscheidende Dimension: Handeln ist nur möglich, wenn der Körper mitgeht. Ein dysreguliertes Nervensystem kann sich zwar anpassen, funktionieren oder gehorchen – aber nicht wirklich handeln. Handeln setzt innere Kohärenz voraus. Damit wird deutlich: Politische und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit ist ohne somatische und psychische Integration nicht denkbar. Arendts Begriff des Handelns gewinnt hier eine verkörperte Grundlage.


Die soziale Dimension: Raum zwischen den Menschen


Arendt spricht vom Zwischenraum, der entsteht, wenn Menschen sich zeigen, sprechen und handeln. Dieser Raum ist fragil. Er kann getragen sein von Vertrauen – oder von Angst, Ideologie und Entmenschlichung zerstört werden.


Im biopsychosozialen Modell ist dieser Zwischenraum kein abstraktes Konzept, sondern biologisch wirksam. Soziale Sicherheit reguliert Stressachsen, prägt Bindungsmuster und beeinflusst langfristig Verhalten. Gesellschaftliche Systeme schreiben sich in Körper ein. Damit wird sichtbar: Soziale Pathologien sind immer auch körperliche und psychische Pathologien. Und umgekehrt sind individuelle Symptome oft Ausdruck kollektiver Zustände.


Von Verantwortung zu Integration


Arendt betont Verantwortung ohne Pathologisierung. Sie entschuldigt nicht – aber sie vereinfacht auch nicht. Ihr Denken lädt dazu ein, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen Menschen aufhören zu denken und zu handeln.


Das biopsychosoziale Verhaltensmodell erweitert diese Haltung um eine integrative Praxis:

Es fragt nicht nur was jemand tut, sondern unter welchen inneren und äußeren Bedingungen dieses Verhalten entstanden ist – und wie diese Bedingungen veränderbar sind. Hier entsteht eine gemeinsame ethische Bewegung: Nicht Schuld, sondern Verantwortungsfähigkeit wird zum zentralen Kriterium. Und diese Fähigkeit ist entwickelbar.


Klarheit aus Komplexität


Sowohl Arendt als auch das biopsychosoziale Modell verweigern einfache Antworten. Sie halten Ambivalenz aus. Sie denken mehrdimensional. Und gerade dadurch schaffen sie Orientierung.


In einer Zeit, in der Verhalten schnell moralisiert, pathologisiert oder algorithmisch erklärt wird, erinnern beide Ansätze an etwas Wesentliches: Der Mensch ist weder Maschine noch bloßes Opfer von Umständen. Er ist ein verkörpertes, relationales, denkendes Wesen – fähig zur Integration und zum Neubeginn.


Oder, in Arendts Worten:

Jeder Mensch trägt die Möglichkeit des Anfangs in sich.


In diesem Sinne wünsche ich ein schönes neues Jahr 2026!

Annika

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der Autorin.

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